Auseinandergelebt – Wann ist ein Paar ein Paar?

Wir haben uns auseinandergelebt.

Ich merke gar nicht mehr, dass wir ein Paar sind.

Wir leben eher in einer Wohngemeinschaft.

Ganz häufig höre ich diese Äußerungen, wenn ich nach dem Anlass frage, der ein Paar zu mir führt. Ja, doch, Gefühle sind da, vielleicht ist auch Liebe da, und trotzdem hat sich das Gefühl breitgemacht, nicht „so richtig“ zusammen zu sein. Eine Paarbeziehung ist eben eine einzigartige Form von Beziehung. Aber woran merken zwei Menschen eigentlich, dass sie (immer noch) ein Paar sind, und wie konstruieren sie diese Wirklichkeit miteinander?

Ein bisschen Wahrnehmungspsychologie

Ich muss Ihnen ein kleines bisschen Theorie zumuten.

Wenn Sie an einem schönen Tag gen Himmel schauen würden, und ich würde Sie fragen, was Sie da sähen, dann würden Sie wahrscheinlich sagen: „Wolken vor einem blauen Himmel.“ Bei einem Blick in die Landschaft sehen Sie dann vielleicht Bäume auf einer Wiese, und wenn in der Ferne eine Autobahn zu sehen ist, dann erkennen Sie vielleicht, dass es zwei bandförmige entgegengesetzte Fahrströme gibt, die sich hälftig die Autobahn teilen. Was Sie nicht wahrnehmen, obwohl die Reize auf der Netzhaut das zuließen, das ist: Eine blaue Fläche am Himmel mit Löchern darin, durch die Sie den dahinterliegenden weißen Himmel sehen. Oder eine Wiese, die hinter den Bäumen unterbrochen ist.

Sie werden nun vielleicht abwinken: „Ist doch logisch, dass man das so sieht, anders ergibt das keinen Sinn.“ Stimmt! Es ergibt mehr Sinn, Figuren vor einem Hintergrund zu sehen, statt Löcher in einer Fläche. Das Seelische bildet nicht die Welt ab, es konstruiert Sinn, der mit der Welt zu tun hat. Dennoch: Nach welchen Gesetzen passiert das, und was hat das mit Partnerschaften zu tun?

Ein paar Gestaltgesetze

Wie wir die Wirklichkeit zu sinnvollen Ganzheiten organisieren, lässt sich gut mit den Gestaltgesetzen beschreiben: Ein Baum vor einer Wiese ist beispielsweise eine Gestalt, so wie eine Wolke vor dem Himmel. Oder eben auch: Eine Partnerschaft in Abgrenzung zu anderen Beziehungen.  Wir können gar nicht anders, als unsere Welt in Ganzheiten, in Gestalten zu organisieren.

Gesetz der Nähe

Es erscheint uns banal, weil es buchstäblich nahe liegt. Dinge, die nahe beieinander liegen, setzen wir zueinander in Beziehung und nehmen sie als Teil einer übergeordneten Ganzheit wahr.

Nahes „gehört“ zusammen.

Nähe ist daher auch ein wichtiger Faktor in Partnerschaften (aber nicht der einzige): Mit wem ich zusammen bin, dem bin ich nah. Wenn ich weiter spüren möchte, dass ich mit dem Partner zusammen bin, möchte ich ihm nahe sein.

Gesetz der Ähnlichkeit

Nicht immer ist Nähe (allein) ausschlaggebend. Elemente, die sich ähnlich sind, nehmen wir ebenfalls als einander zugehörig wahr, selbst wenn sie nicht nahe beieinander stehen.

Gesetz der Ähnlichkeit
Ähnliches gehört zusammen.

Viele Partnerschaften bilden sich nach diesem Gesetz, und sie erweisen sich in der Forschung auch als die langlebigsten: Wer in zentralen Belangen des Alltags und des Lebens ähnliche Werte hat, nimmt sich eher als zugehörig wahr, und es muss weniger verhandelt werden.

Gesetz der Geschlossenheit

Damit sich eine Figur von einem Hintergrund abhebt, sollte ihre Gestalt möglichst geschlossen sein. Wir sehen deshalb in der Regel Wolken vor einem blauen Himmel, statt Löcher in einer blauen Fläche vor einem weißen, dahinter liegenden Grund.

Geschlossenes gehört zusammen.
Hier ist man nicht so sicher, wer zusammengehört.

Geschlossenheit spielt in den meisten Partnerschaften eine sehr zentrale Rolle, denn dadurch, dass wir nur bestimmte Dinge mit dem Partner teilen, erleben wir die Partnerschaft als eine exklusive Beziehung. Anders als die Bilder oben suggerieren, müssen sich die Partner dafür nicht immer nahe sein. Außenbeziehungen und übermäßige Heimlichkeiten werden regelmäßig als besonders verletzend erlebt, weil sie dieses zentrale Gesetz der Gestaltbildung der Partnerschaft in Frage stellen.

Gesetz der gleichen Bewegung

Wenn Objekte sich gemeinsam in eine Richtung bewegen, erleben wir sie als zusammengehörig. Weder müssen sie dabei nahe beieinander stehen, noch müssen sie sich ähnlich sein.

Gemeinsame Bewegung
Was sich gemeinsam bewegt, das ist zusammen.

Es ist ein immer wieder zu beobachtendes Phänomen in Partnerschaften, dass das Paar zwar viel Zeit miteinander verbringt, exklusive Dinge miteinander teilt, und dass dennoch mindestens einer von beiden etwas vermisst. Bei diesen Paaren ist häufig zu entdecken, dass sie keine gemeinsame Entwicklung erleben und ihnen auch gemeinsame Ziele abhanden gekommen sind. Eine typische Zeit dafür ist das sogenannte „Empty Nest“, die Zeit, wenn die Kinder aus dem Haus sind: Die gemeinsame Aufgabe, die Kinder großzuziehen, ist erfüllt, und noch gibt es kein neues gemeinsames Projekt.

Gesetz der guten Gestalt

Dieses Gesetz wirkt vielleicht schwammig, ist aber der Tatsache geschuldet, dass wir nicht die Wirklichkeit wahrnehmen, wie sie „ist“, sondern wie sie am ehesten Sinn ergibt. Schauen wir dafür auf die folgende allseits bekannte optische Täuschung:

Ein nicht existentes weißes Dreieck liegt mit den Ecken auf schwarzen Kreisen.
Gute Gestalt schlägt Physik.

Wir sehen ein weißes Dreieck, das nicht da ist. Es ist die „bessere“ und „sinnstiftendere“ Gestalt als die drei unvollständigen schwarzen Kreise.

Auch Paare suchen eine gute Gestalt in Form von Harmonie, Ausgeglichenheit, Ebenbürtigkeit oder auch Ergänzung. Nicht nur in Bildern, auch in Partnerschaften suchen wir Sinnhaftigkeit.

Partnerschaft – wie nutzen wir die Gestaltgesetze?

Ich hoffe, das war Ihnen jetzt alles nicht zu theoretisch. Warum ich Sie damit behelligt habe: Es gibt mehrere (und meist auch mehr oder weniger gleichzeitig wirksame) Möglichkeiten, Partnerschaft und Zugehörigkeit zu definieren und zu erleben. Missverständnisse darüber, dass man ja irgendwo nicht mehr so richtig zusammengehörig sei, entstehen gar nicht einmal selten so: Der eine schaut auf die Nähe, der andere auf die Ähnlichkeit. Braucht sie viel Intimität (Geschlossenheit) und vermisst diese, deutet er auf die gemeinsam bewältigten Aufgaben und dass man doch noch so viel vor sich hat (gemeinsame Bewegung).

Wenn Sie also den Eindruck haben, Sie lebten mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin nicht mehr so richtig zusammen, dann gehen Sie die verschiedenen Gestaltgesetze durch und betrachten Sie sie als Felder der Partnerschaft:

  1. Ist mir Präsenz und viel gemeinsame Zeit wichtig, wie erlebe ich das (Nähe)?
  2. Muss meine Partnerin oder mein Partner ähnliche Vorstellungen / den gleichen Geschmack haben wie ich, wo ist das so, wo nicht (Ähnlichkeit)?
  3. Brauche ich vieles, was ich nur mit dem Partner oder der Partnerin teile und was will ich auf jeden Fall nur mit ihm / ihr teilen? Wie viel Privatheit außerhalb der Partnerschaft existiert bzw. darf existieren (Geschlossenheit)?
  4. Gibt es Projekte und Aufgaben, die wir gemeinsam angehen, und wie sehr brauche ich das (gemeinsame Bewegung)?
  5. Wie wichtig sind mir Dinge wie: Ebenbürtigkeit und Ausgewogenheit, wann sind wir ein „schönes“ Paar (gute Gestalt)?

Sie werden wahrscheinlich ziemlich schnell merken, worauf Sie vor allem schauen. Jetzt können Sie im nächsten Schritt dies tun:

  1. Nehmen Sie sich bewusst jene Felder vor, die Sie bisher noch nicht so richtig beleuchtet haben. Zum Beispiel: Wenn Sie vor allem auf die Nähe geschaut haben und diese eventuell vermissen, sind Sie vielleicht dennoch gemeinsam in Bewegung? Schauen Sie bewusst auf das, was da ist, und nicht auf das, was nicht da ist!
  2. Gleichen Sie mit Ihrem Partner / Ihrer Partnerin ab: Worauf guckst du mehr, worauf ich? Was habe ich übersehen, was vielleicht du?

Gerade Paare, die in Fernbeziehung leben, können so erfahren, dass Sie trotz der geographischen Distanz zusammengehörig sind. Doch auch wenn Sie nicht in einer Fernbeziehung leben, werden Sie wahrscheinlich erstaunt sein, auf welchen Feldern Sie noch Zusammengehörigkeit erleben können. Wenn Sie merken, dass ein für Sie beide zentrales Feld unterrepräsentiert ist, dann können Sie sich aufmachen und nach Möglichkeiten suchen, dieses Feld zu beleben. Ob in Eigenregie oder auch in einer Paartherapie oder Paarberatung.